Auszeit von zu Hause

(Diabetes Ratgeber, Ausgabe Februar 2014)

Wenn die Probleme daheim überhand nehmen, kann ein Internat für Kinder und Jugendliche mit Diabetes eine gute Chance sein.

Eigentlich ist so viel Trubel nicht sein Ding. David (18) schätzt das Alleinsein. Trotzdem bereut er nicht, dass er vor einem halben Jahr ins Nordsee-Internat St. Peter-Ording gezogen ist. „Ich kam mit meinem Diabetes zu Hause einfach nicht mehr klar“, erzählt er. „Meine Eltern hatten schließlich die Idee mit dem Internat. Ich habe sofort zugestimmt.“ Für David war es die richtige Entscheidung. Seine Zuckerwerte sind heute wesentlich stabiler – und er fühlt sich sichtlich wohl.

Internat mit Diabetes-Kompetenz
David gehört zu neun Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes, die im Nordsee-Internat leben und zur Schule gehen. Insgesamt 120 Schüler und Schülerinnen wohnen hier, verteilt auf verschiedene Häuser. Seit gut zwei Jahren bietet das Internat 15 Plätze für Kinder mit Diabetes. Es ist das einzige weit und breit im deutschen Norden, während sich in der Mitte und im Süden mehrere ähnliche Einrichtungen befinden: zwei Jugendhäuser in Thüringen, eins in Lüdenscheid, ein Internat in der Nähe von Worms und ein Rehazentrum in Berchtesgaden. Meist handelt es sich um reine Schülerheime, das heißt, die Kinder besuchen öffentliche Schulen in der Nähe. Das Ziel dieser Einrichtungen: den Kindern zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Diabetes zu verhelfen und ihnen einen guten Abschluss zu ermöglichen.
„Oft rebellieren Jugendliche in der Pubertät gegen ihren Diabetes“, sagt Rüdiger Hoff, pädagogischer Direktor des Nordsee-Internats. „Wenn besorgte Eltern ihren Sohn oder ihre Tochter dann immer wieder zum Blutzuckermessen ermahnen oder die Werte selbst kontrollieren wollen, lassen manche Kinder das Messen und Spritzen erst recht schleifen. Bis sie mit entgleisten Werten in der Klinik landen.“
Oft verschlechtern sich auch die Schulleistungen. „Manche Kinder verweigern sogar den Unterricht“, berichtet Rüdiger Hoff. Besonders schwierig wird die Situation, wenn die Familie ohnehin vorbelastet ist, etwa durch eine Scheidung oder weil ein Elternteil krank ist. „Manchmal ist es dann am besten, ein Kind für eine Zeit lang aus der Familie herauszunehmen“, sagt Hoff. Ein Internat oder Schülerheim mit Diabetesbetreuung kann in solchen Situationen eine gute Lösung sein. In St. Peter-Ording werden die Jugendlichen in einen regelmäßigen Tagesablauf eingebunden. Für das Zuckermessen und Spritzen gibt es feste Zeiten, die Werte müssen sie selbstständig dokumentieren. Erzieherin Julia Riese, als „Teamleiterin Diabetes“ für die Jugendlichen zuständig und entsprechend geschult, bespricht die Ergebnisse mit ihnen.

Betreuung durch Diabetes-Profis
Zusätzlich arbeitet das Internat mit einer Diabetesberaterin und einem Diabetologen vom Westküstenklinikum Heide zusammen: Kathrin Schulz kommt mehrmals in der Woche vorbei, um Zuckerwerte und Therapien zu überprüfen, und Diabetologe Thomas Brinkmeier hält einmal monatlich Sprechstunde im Internat.
„Wir kontrollieren natürlich auch, ob die Kinder ihren Zucker zuverlässig messen“, sagt Kathrin Schulz. „Aber wir beurteilen sie nicht danach, ob ihre Werte gut oder schlecht sind.“ Alle vier Wochen wird der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) gemessen. Spätestens dann fliegen falsch notierte Werte auf. „So ist die Gefahr von Stoffwechselentgleisungen sehr gering“, sagt Diabetologe Brinkmeier. Neben dem wachsamen Blick auf den Zucker hat das Diabetesteam ebenso wie Erzieherin Julia Riese auch ein offenes Ohr für Probleme: mit dem Diabetes, mit Freunden, Lehrern, der Familie – oder dem Heimweh, das sich früher oder später meldet.
Für die meisten Kinder und Jugendlichen mit Diabetes ist es eine hilfreiche Erfahrung, im Internat Altersgenossen zu finden, die ebenfalls mit der Krankheit zu tun haben. So kann man sich austauschen und gegenseitig mit dem einen oder anderen Tipp versorgen.
Bei vielen bessern sich die Blutzuckerwerte schon nach ein paar Wochen im Internat. Auch in der Schule klappt es wieder. „Oft kommen die Kinder mit sehr schlechten Noten zu uns“, sagt Direktor Hoff. „Mehr als die Hälfte der Schüler hat ihre Leistungen so verbessert, dass sie nach einem Jahr in die nächsthöhere Schulform wechseln konnten.“ Ein Mädchen hat es sogar von der Förder- über die Hauptschule bis an die Realschule geschafft. Auch die Probleme in den Familien lassen meist merklich nach, nicht zuletzt, weil die Erzieher regelmäßigen Kontakt zu den Eltern halten.

Kostenübernahme auf Antrag
Die Kosten für den Aufenthalt eines Kindes oder Jugendlichen mit Diabetes im Internat oder Schülerheim tragen in der Regel ganz oder größtenteils die örtlichen Jugend- oder Sozialämter. Dafür müssen die Eltern einen Antrag stellen. Welche Behörde zuständig ist, hängt vom jeweiligen Schülerheim ab. Gymnasiast David findet „sein“ Internat inzwischen „echt klasse“. Nur eins stört ihn: Samstags und sonntags schließt die Mensa morgens um zehn. Ausschlafen kann er also nur zu Hause. Daher freut er sich auf die Heimfahrwochenenden. Und mit seinen Eltern kommt er jetzt wieder ganz gut zurecht.

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