Ein neues Leben

Wenn Eltern ihre Kinder aufs Internat schicken, löst das selten Begeisterung aus. Ein Vater und sein Sohn berichten – ein Jahr nach dem Wechsel
AUFGEZEICHNET VON MICHAEL SELLGER

Sven Petersen: Nach der Schule zu Hause rumsitzen, lesen und daddeln, sich selten mit Freunden treffen und kaum Sport treiben – so sahen die Nachmittage meines Sohnes aus. Boj ist intelligent, hat einen großartigen Humor und kann sich exzellent ausdrücken, aber mit seiner Antriebslosigkeit stand er sich selbst im Weg. In der Schule hatte er in vielen Fächern schlechte Noten, er machte keine Hausaufgaben und verschwieg uns die Ergebnisse von Klassenarbeiten. Die Lehrer schien das wenig zu kümmern, es gab kaum Feedback an die Eltern.

Boj Petersen: Meine Schulnoten waren alles andere als gut. Dabei fand ich die Schule eigentlich nie richtig schlecht, ich hatte eine super Klasse, alles war paletti. Aber ich war lernfaul und nahm alles sehr locker. Auf dem Zeugnis der zehnten Klasse standen etliche Vieren, sogar in Fächern, die mir eigentlich lagen. In Deutsch kam ich nur auf eine Drei, obwohl ich Sprache mag. Ich habe schon als Kind meine Eltern korrigiert, wenn sie „Tach“ statt „Tag“ sagten.

Sven: Wir waren mit Bojs Schulleistungen so unzufrieden, dass wir ab der achten Klasse eine Alternative suchten. Zuerst wollten wir ihn auf einer Gesamtschule unterbringen, aber dort war die Warteliste zu lang. Auch eine Privatschule in der Nähe war schon voll. Dann planten wir, ihn für ein Jahr ins Ausland zu schicken. Aber in der Schule hieß es, dass er dafür zu schlecht sei und sie ihn nach seiner Rückkehr nicht mehr aufnehmen würden. Wir haben uns große Sorgen gemacht und fühlten uns ohnmächtig. Er ließ sich durch nichts motivieren. Wir haben uns oft gefragt, ob wir zu hohe Ansprüche an ihn stellen. In der Schule hieß es, er habe durchaus das Zeug dazu, ein besserer Schüler zu sein. »Wenn er will, dann kann er«, sagten uns Lehrer. Aber er wollte nicht. Schließlich haben wir ein Internat in Erwägung gezogen. Dort wäre er gezwungen, sich auch nach der Schule mit Leuten in seinem Alter auseinanderzusetzen und seinen Platz in der Gruppe zu behaupten. Inzwischen war Boj 16 Jahre alt, wir konnten also nicht über seinen Kopf hinweg entscheiden und sprachen mit ihm. Seine Reaktion war typisch: Er war zwar nicht begeistert, hat sich aber auch nicht mit Händen und Füßen gewehrt.

Boj: Irgendwann haben meine Eltern mit mir geredet und gesagt, dass sich etwas ändern muss, wenn ich weiter auf dem Gymnasium bleiben will. Auf ein Internat hatte ich nicht unbedingt große Lust. Meine Eltern mussten mich erst überzeugen, zumindest darüber nachzudenken.

Sven: Wir haben uns für eine Probewoche am Nordsee-Internat in Sankt Peter-Ording entschieden. Das ist nicht allzu weit von zu Hause weg, das Internat ist bezahlbar und machte nicht den Eindruck, elitär zu sein. Allerdings lief die Probewoche nicht besonders gut, er war plötzlich aus seiner Komfortzone raus und kannte keinen.

Boj: Ich hatte während dieser Woche nur einen Jungen, der mich ein bisschen rumführte, ansonsten fühlte ich mich ziemlich allein. Danach war ich erst mal abgeneigt und verspürte keine Lust aufs Internat. Aber meine Eltern haben mir klargemacht, dass ich nicht so weitermachen kann wie bisher. Und sie garantierten mir, dass ich jederzeit zurückkehren könnte.

Sven: Wir haben danach viel darüber gesprochen, dass es normal sei, am Anfang Angst zu haben und sich fremd zu fühlen. Er hat das schlussendlich eingesehen und zugestimmt.

Boj: Als ich im August vergangenen Jahres auf das Nordsee-Internat wechselte, war das eine totale Umstellung. Wenn man als Neuer in ein bestehendes System kommt, sollte man eigentlich auf Menschen zugehen können. Ich passe mich aber nur langsam an neue Sachen an, das ist eine meiner Schwächen. Deswegen dauerte es am Anfang ein bisschen, bis ich mich eingelebt und Leute kennengelernt hatte. Ich wachte morgens in einem fremden Bett auf und hatte keine Ahnung von den Abläufen, musste mir die Zeiten und Routinen erst einprägen, etwa das gemeinsame Abendessen am Mittwoch oder die Hausbesprechung am Freitag. Immerhin habe ich mich schnell mit einem Jungen angefreundet, der mit mir das Zimmer teilte.

Sven: Ich habe Bojs Jugend manchmal mit meiner eigenen Jugend verglichen, die völlig anders war. Er hatte einfach nicht das Bedürfnis, mit Gleichaltrigen abzuhängen oder auf den Putz zu hauen. Seine schulischen Leistungen und sein Verhalten in der Freizeit hingen zusammen, wir wollten beides verändern. Inzwischen ist er selbstbewusster geworden und geht auf Menschen zu, er hat zu vielen Themen eine Meinung und streitet dafür. Auf dem Internat ist er auch nach der Schule aktiver, weil er mindestens einmal in der Woche Sport und einen außerschulischen Kurs machen muss.

Boj: Ich führe heute ein ganz anderes Leben. Ich habe neue Freunde gefunden und mich sogar an das Essen gewöhnt. In meiner Freizeit mache ich seltener gar nichts, weil oft ein Tutor vorbeikommt und mich überzeugt, etwas zu unternehmen. Ich spiele Badminton und suche den Kontakt zu Freunden. Sogar sprachlich habe ich mich ein bisschen angepasst: Auch wenn ich noch versuche, mich dagegen zu wehren, sage ich jetzt öfter mal „mega“, „Digga“ oder „jo“.

Sven: Meine größte Furcht war, Boj könne sich abgeschoben fühlen oder den Eindruck haben, er sei nicht gut genug. Wir hoffen, dass er es als Privileg begreift, dort sein zu dürfen: Bis zum Abitur werden wir etwa 50 000 Euro investiert haben. Das ist viel Geld für uns, aber wir wollen, dass unserem Sohn alle Wege offenstehen.

Boj: Ich habe mich in allen Fächern um eine Note verbessert, in Geschichte sogar von einer Vier auf eine Eins. Weil wir im Förderunterricht Grundlagen wiederholen, begreife ich inzwischen sogar Mathe. Ich bin froh, hier zu sein, und zwar nicht nur wegen der besseren Noten. Mir geht es aber nicht so wie manchen Schülern, die glauben, dass ihre Eltern sie nicht wollen und sie deshalb hier hingeschickt haben. Für die ist das Internat zur Ersatzfamilie geworden. Das ist bei mir anders, ich vermisse meine Familie, meine alten Freunde, manche Orte zu Hause.

Sven: Als ich Boj zu Beginn des neuen Schuljahres wieder nach Sankt Peter-Ording zurückgefahren habe, umarmten ihn zwei seiner Betreuer herzlich zur Begrüßung. Da wusste ich: Boj ist angekommen.

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