"Lernst Du nur, oder lebst Du auch?"

INTERNATE & PRIVATSCHULEN - Ideen für einen ausgewogenen Schulalltag - und wie man sie sich leisten kann

(Der Tagesspiegel, Ausgabe Nr. 22 287 vom 18. Januar 2015)

In Unternehmen ist Work-Life-Balance längst Thema. Internate machen sich auf, es ihnen gleichzutun

Wenn Anja Buchholz von der Schule kommt, zieht sie sich sofort die Sportklamotten an. Es geht zum Reiten oder zum Basketball, zum Tanzen oder zum Fitness. „Ich brauche das“, sagt dieGymnasiastin. „Das ist mein ganz persönlicher
Ausgleich zu den langen und teilweise ganz schön anstrengenden Schultagen.“ Die dauern manchmal sogar bis halb
sechs am Abend. Trotzdem nimmt sich Anja immer Zeit für Sport. „Das tut mir einfach gut und macht Spaß“, sagt die
17-Jährige.

Seit zwei Jahren lebt sie imNordsee-Internat in St. Peter-Ording und besucht dort das Nordseegymnasium. Im Gegenteil zu den meisten deutschen Internaten und Landerziehungsheimen betreibt das Nordsee-Internat keine eigene Schule, sondern integriert seine Jugendlichen in die örtlichen Schulen – von der Grundschule bis zum Gymnasium.

Für Anja bedeutet das einen Schulweg von etwa zwei Minuten: Das Gymnasium liegt auf dem Nachbargrundstück. Im Internat wird dann gemeinsam gegessen und gelernt, auch für Freizeitaktivitäten ist ausreichend Zeit eingeplant. Dazu zählen nicht nur selbstorganisierte Aktivitäten, sondern auch ein großes Kursangebot und vor allem der Sport, der den Kindern und Jugendlichen ein gesundes Gegengewicht zur Schule und zu den festen Lernzeiten im Internat bietet.

„Viele Familien entscheiden sich für ein Internat, wenn schulische Probleme vorliegen“, erklärt Rüdiger Hoff, pädagogischer Leiter des Nordsee-Internats. Um eine optimale Förderung zu ermöglichen, bietet seine Einrichtung eine Hausaufgabenbetreuung und zusätzlichen Förderunterricht an. „Zusammen mit der Schule kann das alles ziemlich anstrengend sein. Man muss sich lange konzentrieren und viele Informationen verarbeiten“, sagt Hoff. Hinzu komme, dass die Internatskinder ihren Alltag zum Teil selbst organisieren müssen. Das fördere zwar die Selbständigkeit, könne aber auch ein Stressfaktor sein. „Wenn jeder täglich etwas als Ausgleich macht, trägt das deutlich zum Stressabbau bei.“

Schon die alten Römer wussten, dass ein gesunder Geist nur in einem gesunden Körperwohnt, und propagierten körperliche Ertüchtigung als Ausgleich zur „Denkarbeit“: mens sana in corpore sano. Am Nordsee-Internat heißt das Konzept „Learn-Life-Balance“ und unterstützt die Schülerinnen und Schüler dabei, Hobbys zu entwickeln und möglichst viel Sport zu treiben. Bewegung, Ernährung und Entspannung sind dabei die tragenden Säulen. So lernen die Kinder schon in der Schulzeit, wie man einen gesunden Ausgleich zum stressigen Alltag schafft – etwas, wofür Manager viel Geld bezahlen und teure Zeitmanagementkurse besuchen. Die Schüler sollen verstehen, wie wichtig es ist, abzuschalten, in eine Aktivität einzutauchen oder in eine ganz andere Rolle zu schlüpfen als im Schul- oder später im Arbeitsalltag.

Eine Erfahrung, wie sie Schülerinnen und Schüler auch an anderen Internaten machen:Die enge Gemeinschaft, in der Freundschaften fürs Leben entstehen, und der geförderte, gewollte Ausgleich zum Akademischen, unterstützt Kinder und Jugendliche dabei, Verständnis für eine gesunde Balance imLeben zu entwickeln. Denn zahlreiche Untersuchungen belegen, dass heute schon Grundschüler unter Stresssymptomen wie Kopf- und Bauchschmerzen oder Ängsten leiden. Leistungs- und Zeitdruck hinterlassen auch bei Kindern Spuren, insbesondere dann, wenn sie kaum noch Freizeit als Ausgleich haben. Darunter leiden nicht zuletzt die schulischen Leistungen – ein Teufelskreis. „Nur ein nachhaltiges Konzept mit einer Bandbreite von Maßnahmen, hinter dem die ganze Bildungsinstitution steht, kann Schulstress wirksam mindern“, sagt Arnold Lohaus, Entwicklungspsychologe an derUniversität Bielefeld.

So bieten die meisten Internate ein breites Programm in den Bereichen Sport, Musik,Theater, Kunst, Sozialdienste und Schüleraustausche.Nicht umsonst liegen viele außerdem landschaftlich idyllisch und fördern allein dadurch eine gesunde Lebensweise. Wenn dahinter dann noch ein bewusstes, nachhaltiges Konzept steht, das den Kindern und Jugendlichen Raum und Zeit zur freien Entwicklung bietet, geraten Leistung und Spaß, Anstrengung und Entspannung fast wie von selbst ins Gleichgewicht. Eine Lektion fürs Leben.

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